LangweLlige Geschichte(n)




Cesky Rozhlas, Topolná 270 kHz
Nachfolgender Bericht aus DX-Revue via Michael Strassmann, abgedruckt im Radio-Kurier 3/2002, mit aktuellen Ergänzungen.
Zwei Tage vor Weihnachten hat der tschechische Langwellensender seinen stolzen 50. Geburtstag gefeiert. Auf einer grünen Wiese, zwischen dem Ostufer der March und der Gemeinde Topolná (Landkreis Uherské Hradiste) wurden im Frühjahr 1950 die Arbeiten zum Bau eines starken Langwellensenders begonnen. Der Kopenhagener Wellenplan hat der Tschechoslowakei endlich die langersehnte Langwellenfrequenz zugesprochen. Aber schon seit Kriegsende war die Tschechoslowakei auf Langwelle präsent: der 20 kW starke Sender Praha-Liblice sendete zuerst auf der Frequenz des im Krieg zerstörten "Deutschlandsenders", also auf 191 kHz, später dann vorübergehend auf 155 kHz, bis man dann auf 272 kHz landete. Dieser Sender verbreitete in der Nachkriegszeit übrigens auch einige Auslandssendungen, u.a. in Deutsch.

Topolná liegt in etwa im geografischen Zentrum der ehemaligen Tschechoslowakei, damit war mit Ausnahme des äußersten Westens und des äußersten Ostens des Landes ein guter Empfang gewährleistet. Die gesamte technische Einrichtung wurde per Bahn nach Topolná geliefert, d.h. bis zum Bahnhof Napajedla, wo alles per Hand auf LKW verladen und zur Baustelle weitertransportiert wurde. Die beiden je 257 m hohen Antennenmasten - sie bewirkten die Abstrahlung der Sendeleistung hauptsächlich in Richtung West/Ost - baute der volkseigene Betrieb "Hutní montáze Ostrava". Die Sendereinrichtungen (Tesla DRV 200) waren in vier Monaten montiert, zu einem ersten Probebetrieb wurde der Sender am 22.12.1951 eingeschaltet. Nach Neujahr 1952 liefen noch einige Versuchssendungen, seit dem 20.2.1952 ist er in Dauerbetrieb.

In den zeitgenössischen Publikationen erscheint der Langwellensender Topolná oft als "Praha 272 kHz", "Ceskoslovensko-1 272 kHz" oder der Senderstandort wurde ganz weggelassen; erst viel später wurde öffentlich bekannt gegeben, wo der tschechoslowakische Langwellensender eigentlich steht. Auswüchse der typischen Geheimniskrämerei realsozialistischer Regierungen eben! Selbst viele tschechische DXer dachten lange, der Langwellensender stehe im Kurzwellenzentrum Litomysl-Pohodli bei Svitavy.

Der 200 kW starke Sender Topolna verbreitete jahrzehntelang das in tschechischer und slowakischer Sprache sendende Programm "Praha-II", das später dann "Ceskoslovensko" bzw. "Ceskoslovensko-II" und ab 31.8.1970 als "Hvezda" (Tschechisch) bzw. "Hviezda" (Slowakisch) bezeichnet wurde. Im Jahr 1972 verabschiedete die tschechoslowakische Föderalregierung in Prag den "Entschluss Nr. 228 vom 24.8.1972", der eine umfassende Modernisierung des Sendernetzes sowie der Modulationsleitungen vorsah. In den Jahren 1975 bis 1978 wurde Topolná grundlegend modernisiert und musste vorübergehend abgeschaltet werden. Als Ersatz wurden einige tschechische Mittelwellensender auf 272 kHz umgestimmt. Am 15.11.1978 ging der rundum erneuerte Sender Topolná mit zwei 750 kW starken Senderblöcken vom Typ "Tesla DRV 750" wieder auf Sendung, die es zusammengeschaltet auf 1500 kW brachten. Von Mitternacht bis 4.30 Uhr wurde der Sender mit 750 kW betrieben, sonst mit voller Leistung. Am 1.2.1990 erfolgte entsprechend dem Genfer Wellenplan eine kleine Frequenzänderung von 272 kHz auf 270 kHz. Später wurde Topolná mit 650 kW für das Programm "ČRo 1 - Radiožurnál" zwischen 05.00 (Wochenende 06.00) und 24.00 Uhr betrieben. Nachts schweigt der Sender aus Kostengründen.

 
Der Sender Topolná sollte bereits am 31.12.1993 stillgelegt werden, blieb aber nach Protesten weiter in Betrieb. Nach dem Scheitern dieses ersten Abschaltversuches wurden im Januar und Frühjahr 1994 noch zwei weitere "Deadlines" festgelegt. Gleichzeitig liefen im Programm täglich Hinweise auf den Sendeschluss nicht nur der seinerzeit noch von
"Radiožurnál" belegten Mittelwellen 1071 kHz und 1233 kHz, sondern auch der Langwelle 270 kHz.

Ende 2013 wurde wieder verkündet, dass am 28.02.2014 endgültig abgeschaltet werde, da für die altersschwache Sendetechnik teure Instandhaltungsmaßnahmen notwendig wären. Doch auch dieses Mal wurde kurz vor dem Abschalttermin vereinbart, dass der Sendebetrieb um weitere 3 Jahre verlängert werden solle. Am 27.02.2014 wurde die Leistung des alten Senders auf ein Minimum (etwas über 50 kW) gedrosselt und im Laufe des Frühjahrs 2014 gegen ein gebrauchten transistorisierten 50 kW-Sender ausgetauscht.

 
letzte Änderung: 31.12.2014

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